Das Gras mannshoch, der Weg schmal. Rundherum keine Seele, obwohl schöne Landschaft lockt. Wir sind unterwegs am tschechischen "Nordkap": Südlich von Bautzen, wo Böhmen sich wie ein Riegel ins Sächsische hineinschiebt. Hier ist der Schluckenauer Zipfel. Klingt etwas putzig, ist aber eine Gegend reich an schönen Wanderwegen, schmucken Umgebindehäusern, Industriegeschichte und Lost Places. Eine Gegend, die mal ein Herz der Textilbranche war - wo sich Dörfer ihren weltabgeschiedenen Charme aber erhalten haben.
Wir wollen das Khaa-Tal (auf tschechisch: Kyjovské Údolí) erkunden, was uns im Netz als ein romantisches Tal entlang der Kirnitzsch beschrieben wurde. Zudem reizen uns die schroffen Felsformationen, die es hier geben soll, mit schmalen und steilen Stiegen. Wo es, so hoffen wir, auch angenehm kühl ist.
Unser Startpunkt ist am Café "Perla" (Adresse: Kyjov 37), im Dorf Kyjov, das zu Krásná Lípa gehört. Fast daneben ist die Bushaltestelle Dlouhý Důl und direkt vor dem Café ein Parkplatz. Mit einem knappen Dutzend Stellplätzen - wir fanden noch einen für uns, als wir an einem Sonntag morgens gegen Zehn ankamen.

Ein Zuhause für Freigeister im Khaatal
Falls Du auch von hier loswanderst: Schau mal auf das große Fabrikgebäude links neben dem Café! Das Haus, was wie irgendeine olle Fabrik ausschaut, hat's in sich: Hier gibt's Galerien, Wohnwerkstätten, eine Druckerei, eine Bibliothek und einiges mehr. In der früheren Zwirnfabrik der Familie Solomon hat sich ein gemeinnütziger Verein eingerichtet, der möglichst ohne staatliche Gelder oder Fördermittel auskommen will. "Ein freier Hafen der Ideen, Wörter und Handlungen" verspricht die grafisch sehr cool gemachte Website!
Und wenn du schon immer mal wie ein Künstler oder eine Künstlerin leben wolltest - hier kannst du dich einmieten! Je länger du bleibst, desto billiger wird es, verspricht die Seite zur Anmeldung. Sieben große Ateliers hält allein schon der erste Stock parat.
Wandern entlang der Kirnitzsch
Wir aber wandern erstmal los - unsere Tour findest du wie immer hier sowie am Ende des Artikels als Link zur Wanderplattform komoot.

Die ersten Kilometer Richtung Westen verlaufen meist durch Wald. Auf Lichtungen wachsen die Gräser schier in den Himmel, teils mit vielen Brennesseln. Laut Karte plätschert neben uns die Křinice, wie die Kirnitzsch hier heißt - doch wir sehen sie kaum, denn der Blick hangabwärts wird durch viel Grün versperrt.
Nach etwa zwei Kilometern erscheinen rechts vom Weg einige Häuser: Wir sind in Krásný Buk (zu deutsch Schönbüchel), einem winzigen Dörfchen - das eine wirklich imposante Villa sein eigen nennt. In dem ockergelb-weißen Bau wohnte früher der Textilfabrikant Gustav Adolf Jäger, der hier eine Strickerei besaß. Seine Spezialität: Baumwollunterhosen.

Direkt rechts neben seiner Villa war die Fabrik, die 1908 300 Arbeiter und 400 Heimarbeiter beschäftigte. Mit seinen "Jegrovky", wie die Unterhosen umgangssprachlich hießen, war er im ersten Weltkrieg einer der Top-Ausstatter der k.u.k.-Armee. Damals waren die Textilmaschinen wahrscheinlich im ganzen Tal zu hören - heute knattern nur noch die Motorräder derer, die die landschaftlich schöne Strecke genießen. Die Fabrik von Jäger ist schließlich zur Jahrtausendwende abgerissen worden.
Gegenüber der Villa auf dem Wanderweg gibt es übrigens einen steinernen Brunnen, an dem du dich erfrischen und deine Wasserflasche nachfüllen kannst.
Krásná Lípa - einst eine boomende Textilstadt
Von Krásný Buk aus folgen wir der Straße, bis die ersten Häuser von Krásná Lípa auftauchen. Wir kürzen den Weg durch die Stadt ab, weil wir mit dem Auto später zurückkehren wollen - aber du kannst natürlich schon jetzt den Ort erkunden.
Wenn ich ehrlich bin: Im ersten Moment wirkt Krásná Lípa auf mich nicht sonderlich anziehend. Einige alte Fabrikgebäude, nur wenige schöne Häuser. Vielleicht macht aber grad dies den Ort spannend. Denn das alte Schönlinde war ein Hotspot der Textilindustrie, mit einer langen Liste an Unternehmen: Etwa Hielle & Dittrich (letzterer, Carl August, übrigens ein Leipziger), die Strumpffabrik Schindler, der schon erwähnte Gustav Adolf Jäger, Edwin Jäger, Vatters Baumwollstrickerei und und und.

Die Firmen hatten zum Teil Niederlassungen in halb Osteuropa und machten im 19. Jahrhundert Schönlinde zu einem schnell wachsenden Industriezentrum, von wo aus Textilien in die halbe Welt gingen. Einige Betriebe haben auch die Weltkriege überdauert und lebten und leben in anderer Form weiter.
Nach dem 2. Weltkrieg mussten viele deutschstämmige Einwohner Krásná Lípa verlassen, Häuser wurden abgerissen. Einen Bericht eines früheren Einwohners, der in den 1960er Jahren zu Besuch zurückkam, kannst du hier in einer Dokumentation lesen.
Was gibt's in Krásná Lípa dann zu entdecken?
Einiges! Schau dir mal die Architektur des Kinos und Kulturhauses in der Pražská 960/24 an! Interessante Formen, oder? Vermutlich war Richard Brosche der Architekt, der noch viele andere Kinos und Schauspielhäuser entwarf. Das Haus wurde Anfang des Jahrtausends saniert und bietet für das kleine Städtchen einen erstaunlich schicken Ballsaal, ein Freiluftkino sowie Theaterräume.


Spannender Stil: Das Kino und Kulturhaus in Krásná Lípa. (Foto links: SchiDD, CC BY-SA 4.0, farblich angepasst)
Und da wir bei spannender Architektur sind: Auf dem Weg zwischen Krásný Buk und Lípa fiel dir vielleicht das Gebäude der Strickerei Schindler auf (Adresse: Kyjovská 998/79). Modernste Industriearchitektur damals, 1929! Anwohner nennen es schlicht den "Glaskasten". Schindler ist übrigens die einzige Firma ihrer Art in Tschechien, die seit 170 Jahren in Betrieb ist.
Vielleicht hast du nicht weit davon auch den sogenannten "Affenpavillon" entdeckt: So hieß die Fabrikantenvilla von Josef Franz Palme im Volksmund. 1930 gebaut, hat der Architekt Hans Richter - der in Dresden übrigens die Trachauer Siedlung entwarf - hier versucht, modernen Bauhaus-ähnlichen Stil ins Böhmische zu bringen.
Last but not least - das Bier!
Davon solltest du wirklich probieren in Krásná Lípa: Gefühlt drölfunddreißig Sorten bringt die Brauerei "Falkenštejn" mittlerweile ins Glas! Und die Craft-Beer-Gemeinde ist auf ihren Testportalen voll des Lobes. Zitat:
"Malzaromatisch und hopfenwürzig präsentiert sich der stämmige Duft ... Neben Noten nach Karamell, Brot und Biskuit erfasst man auch röstige Akzente, die an Kaffee und Brotkruste erinnern."
Na wenn die Bierbewertungen schon so poetisch sind, wie ist dann wohl erst das Produkt?
Seit 2013 hat Krásná Lípa mit "Falkenštejn" wieder ein eigenes Brauhaus. Das Lokal am Markt (Adresse: Křinické náměstí 7/12) ist meist gut gefüllt, wohl auch weil viele Wanderer die deftigen Imbiss-Gerichte von Küchenchef René Vokurka mögen (den berühmten Hermelinkäse etwa oder Schmalz mit Brot und Gürkchen). Im Netz wird die flinke Bedienung gelobt, auch wir müssen nicht lange warten.

Und welche Biersorte soll's nun sein? Vier Basisbiere bietet das Pivovar - Světák, Ostroff, Rudoch und Dittrich - und verschiedene Saisonbiere. Um nicht zu verzweifeln beim Auswählen, muss man eigentlich mehrmals hier einkehren. Oder länger bleiben: Das Brauhaus bietet auch Zimmer.
Mein Tipp für heiße Wandertage: Nimm das "Svižnej Emil", ein American Pale Ale. Es schmeckt süffig und ganz leicht fruchtig - sehr erfrischend!
Von Krásná Lípa rüber nach Kyjov
Wir wandern weiter, wobei es erstmal eine Weile durch ruhige Straßen mit Einfamilienhäusern geht. Hier rattern Rasenmäher, es wird mit Holz gewerkelt oder der Garten beackert - ein typischer Dorfsonntag eben. Zwischen den Häuschen tut sich immer mal wieder ein weiter Blick auf, bei dem wir Richtung Norden das Lausitzer Bergland zu erkennen glauben.


Man kann sich kaum sattsehen an diesen schönen Umgebindehäusern, oder?
Schließlich das Finale. Wir gelangen in die Ecke unsrer Wandertour, die uns am meisten fasziniert hat: Die engen Stiegen zwischen den Felsen nahe Kyjov.
Eine lange Stiege führt dich hoch zu einem wunderbaren Ausblick mit Sitzbank (in der komoot-Karte zur Wanderung Punkt 1). Hier erlebst du einen guten Talblick, auf den unten entlangführenden Wanderweg und die gegenüberliegenden Felsen.

Von hier an wird's die nächsten Kilometer abenteuerlich: Es folgen weitere zum Teil recht schmale Holz- und Gitterstiegen und kleine Felstore, und um sie zu durchqueren, müssen wir teilweise unsere Rucksäcke absetzen. Metall-Leitern, die die Felsen hochführen, und Geländer, die sich nach oben winden und manchmal den Weg eher andeuten, als dass der Standstein irgendeinen Verlauf erkennen lässt. Zum Erklimmen hilft manchmal nur, sich am Geländer nach oben zu hangeln.




Am Fels vorbei, zwischen den Felsen durch, über die Felsen drüber und auf sie rauf: Die Wegeverläufe lassen immer wieder staunen.
Dieser Wildnis- und Klippenfaktor und die Felsentrails auf den letzten paar Kilometern sind es, die unsere Wandertour besonders machen! Unsere Highlights: Der schmale Durchgang mit Metalltreppen - Punkt 6 auf der Komoot-Wanderkarte unten. Und Punkt 7, der Khaa-Felsenpfad mit Höllentor (Pekelná brána) und Löwentor. Vorbei geht's an seltsam geförmten Felspyramiden, die Namen tragen wie Schiff, Taube und Drillinge. Eine sehr abwechslungsreiche Etappe, auf der immer wieder auch kleine Höhlen sowie schöne Aussichten locken!

Die letzten Meter, bevor wir wieder am Anfangspunkt der Wanderung zurück sind, genießen wir nochmal das Tal der Kirnitzsch, deren Flussbett mit vielen kleinen und halbgroßen Steinen umgrenzt ist sowie von wucherndem Farn und anderem Grün. Eine sehr detaillierte Beschreibung der Felsenwelt von Kyjov (Khaa) hier findest du übrigens unter diesem Link!

Ordentlich Wanderschuhe solltest du für diese Tour auf alle Fälle haben und auch etwas Kondition. Doch vor allem: Freude an der wildromantischen Natur, durch die hier nur wenige Besucher wandern!
Varnsdorf, das kleine Manchester
Wenn du alte Industriehallen magst und Bier, das auch mal anders schmeckt als Pilsner, dann lohnt sich noch ein kleiner Abstecher nach Varnsdorf! Die Stadt war einst ein weiterer Hotspot der Textilindustrie und liegt nicht weit von Krásná Lípa im östlichsten Eck des Schluckenauer Zipfels.
Bekannteste Marke der Stadt: Die Kunert-Strumpfhosen, deren Fabrik später zum Kombinat ELITKA (ELITE) wurde. Mitte der 1930er Jahre produzierte man hier so viele Strümpfe wie nirgendwo anders in Europa.

30.000 Menschen lebten in Varnsdorf zur Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts - heute sind es noch etwa die Hälfte. Die Stadt hat einige Kirchen, eine Handvoll hübsche Umgebindehäuser - doch was vor allem auffällt, sind die riesigen, leerstehenden Industriehallen von ELITKA. Die fünf Hochhäuser aus den 1920er Jahren sind ein bemerkenswert schöner Lost Place.
"Wir sind Elite!" - Das Herz von Varnsdorf
2024 hätte die Firma ihr 100-jähriges begehen können. Nach dem Ende der Tschechoslowakei und einem langsamen Niedergang aber kam 2023 das endgültige Aus. Der wichtigste Betrieb von Varnsdorf, der weit mehr als nur die Stadtkulisse prägte, lag plötzlich still: Ein Schicksal, dass man mit vielen kleineren Orten auf ostdeutscher Seite teilt. Wer wollte da noch ein Jubiläum feiern?

Schnell aber wurden Historiker, Fotografen und international bekannte tschechische Künstlerinnen und Künstler auf das ELITKA-Ende aufmerksam - und fanden sich zusammen, um trotz allem ein Festprogramm zu organisieren.
"Jsem Elit'ák! Jsem Elit'ačka!" - "Ich bin Elite!" sammelte Fotos, Erinnerungen der einst hier Arbeitenden und viel Material über den wohl wichtigsten Arbeitgeber in Varnsdorf. Im Mai 2024 schließlich luden die Veranstalter die frühere Belegschaft ein, noch einmal durch die Arbeitssäle und Büros zu gehen und Abschied zu nehmen von der Fabrik - als Dank für ein ganzes Arbeitsleben.


In diesen Hallen wurde bis 2023 gearbeitet, heute sind sie ein riesiger Lost Place inmitten von Varnsdorf ...
Wenn du heute nach Varnsdorf kommst, findest du rund um die ELITKA-Fabriken noch den einen oder anderen Hinweis auf diese so andere 100-Jahrfeier.
Was kann man noch in Varnsdorf sehen?
Viele Touris kommen nach Tschechien wegen des Biers - in Varnsdorf gilt das nochmal mehr! Das "Pivovar Kocour" hat als wohl einzige Brauerei Tschechiens sogar einen eigenen Bahnhof! Auf dem Gelände kannst du zudem in ausrangierten Zugwaggons übernachten, es gibt einen Zoo und viele Events - Basketballturniere, Lesungen und anderes. An Sommerwochenenden ist die Brauerei oft der quirligste Platz in ganz Varnsdorf.


Das Brauhaus Kocour - zu deutsch "Kater", was man auch am stylisierten "K" erkennt - bietet nicht nur Bier, sondern auch Waggons als Schlafplätze und ist Ort für viele Events.
Ach ja, und Bier haben sie hier ...
Und da müht sich Gründer Josef Šusta sehr um Vielfalt. Belgisches Saisonbier, ein Visegrád-Bier - wo man mit Ungarn und Slowaken was zusammengebraut hat - und eines von einem japanischen Braumeister: An der Bar des großen Brauhauses findet sich immer ein Grund, was zu probieren. Bei meinem letzten Besuch im "Kocour" zählte die Karte mehr als ein Dutzend eigene Sorten.
Im Land von Pilsner und Co. englischen und belgischen Bierstil ins Glas zu bringen: Das brauchte damals, als "Kocour" anfing, Mut und Stehvermögen. Und gute, offensive Werbestrategien. Mittlerweile mögen viele Bierfans genau diesen abwechslungsreichen Geschmack - und Kocour-Biere schneiden bei Ratings gut bis sehr gut ab. Wer sein tschechisches Pivo ganz traditionell mag, wird sicher anderswo eher seinen Favoriten finden.