Das ist es also, das Rathaus von Liberec. Eines der wohl schönsten in Tschechien, gebaut Ende des 19. Jahrhunderts. Neorenaissance mit Pracht, mit vielen Details und perfekter Symmetrie! Der Kaiser (Franz Joseph) hat hier vom Balkon gesprochen, auch Václav Havel.
Ein beeindruckender Bau! Und einer, der wie die Stadt selbst schon etliche Drehbuchautoren und Filmregisseure faszinierte. Noch gar nicht so lange her, da hing Superman an dieser Fassade! Doch der Reihe nach.
Lohnt es sich, nach Liberec zu fahren?
Die fünftgrößte Stadt Tschechiens, das frühere Reichenberg, hat es gut getroffen: Die Berge der Lausitz und des Isergebirges sind nahe, das Riesengebirge nicht weit, und der 1012 Meter hohe Ještěd (Jeschken) mit seinem markanten Hotel ist quasi der Hausberg der Stadt. Man kann im Winter mit der Straßenbahn zum Skifahren fahren!
Außerdem hat Liberec eine der wohl schönsten Galerien ganz Tschechiens: Das alte Kaiser-Franz-Josef-Bad. Es macht deutlich: Die Stadt war im 19.Jahrhundert durch ihre Tuchindustrie reich und bedeutend geworden.




Liberecer Fassaden: Die Stadt besteht nicht nur aus Altbauten - doch was es davon gibt, das nimmt die Besucher mit viel Flair gefangen.
Und da sind das Kopfsteinpflaster, schöne Gründerzeitfassaden, auch teils etwas morbide Ecken. Dieses Gefühl, das hier vieles noch echt ist, Patina hat und nicht tourismusgerecht übertüncht wurde.
Was sollte ich mir ansehen?
Liberec kann man sehr gut zu Fuß entdecken. Man sollte es sogar, dazu ist die Großstadt klein genug. Falls du mit dem Zug kommst, dann lasse das triste Viertel rund um den Bahnhof bitte schnell hinter dir. Liberec hat so viel Besseres!

Willst du mir folgen? Ich will zuerst den Südosten erkunden und dann in den - für die meisten Besucher interessanteren - Norden mit dem Edvard-Beneš-Platz und dem Rathaus. Es geht auch mal durch Straßen ohne Touristisches, wo du aber ein Gefühl für Ort und Leute erhälst!
Aus dem Bahnhof über den Fußgängerüberweg kommst du auf die Straße des 1. Mai (1. máje), die nach ein paar Metern über einen Tunnel führt. Bleibe am besten auf der rechten Seite. Kurz darauf siehst du ein Holzhäuschen einer Taxifirma, und nicht weit davon führt eine Treppe hinunter auf die Tatranská, die du dann in Richtung Mrštíkova läufst.
Iqlandia
Hier befinden sich die Depots der Liberecer Straßenbahn, und weiter vorn am Ende der Straße das Iqlandia: Ein Zentrum, das Kids und Jugendlichen Spaß an Naturwissenschaften und Astronomie vermitteln will. 3D-Planetarium, Geduldsspiele, interaktive Exponate - laut Besuchern ein tolles Angebot, doch auch sehr umfangreich. Alles gibt's neben tschechisch auch auf deutsch und englisch.
Über die Nitranská nach links auf die Košická und dann rechts auf die M. Horákové geht's weiter. Von der Horákové führt auf der linken Seite nach wenigen Metern ein Fußweg mit Treppen hoch. Links und rechts liegen Gärten und die Höfe von Häusern, aus ihnen hört man Radios dudeln und Teller klappern.
Wo die Treppe endet, macht die U Opatrovny einen Knick, du folgst ihr bergauf. Oben angekommen, wirst du rechter Hand bald das Krematorium entdecken!
Das Krematorium
Falls du es noch nicht wusstest: Tschechien hat eine stattliche Zahl von architektonisch außerordentlich schönen und interessanten Krematorien! Das Liberecer soll das erste auf tschechischem Boden gewesen sein. Feuerbestattung galt ja lange als verpönt. 1913 im Rahmen eines Wettbewerbs des Wiener Vereins zur Förderung der Feuerbestattung "Die Flamme" (!) entworfen, wurde es 1917 eröffnet.



Das Krematorium in Liberec ist wuchtiger Jugendstil und wurde 1917 eröffnet, 1918 fand die erste Einäscherung statt.
Und Architekt Rudolf Bitzan hat hier in Sachen Jugendstil nicht gekleckert, sondern geklotzt: Die monumentalen Säulen, die den Hauptaufgang flankieren, machen Eindruck. Ebenso die zwei mächtigen Wächterfiguren links und rechts von Bildhauer Alois Rieber. Besichtigen lässt sich das Krematorium nicht - zumindest solange man als Tourist kommt ...
Die Liebiegstadt (Liebiegovo městečko)
Vom Krematorium aus lässt es sich durch kleine Straßen gut rüberlaufen zur Liebiegstadt am Náměstí pod Branou.
Hier haben der Textilmagnat Theodor Liebieg und seine Familie von Mitte des 19. Jahrhunderts an bis 1929 Arbeiterwohnungen anlegen lassen. Nicht nur am Pod Branou, sondern auch in den Straßen drumherum: in der Klicperova, der Plátenická oder der Svatoplukova wirst du kleinere und größere Häuschen sehen, die sich an die Hügel schmiegen, oft mit kleinen Gärtchen davor.

Die Architekten Jakob Schmeißner und Ernst Schäfer orientierten sich an den Prinzipien der Gartenstadtbewegung: Wie in Dresden-Hellerau oder der "Tuschkastensiedlung" in Berlin-Treptow wollte man kleinen Bauten statt großer Mietskasernen ein individuelles Wohngefühl fördern.
In der Liebiegstadt hat Liberec fast dörflichen Charme - und an heißen Tagen ist so ein Bummel durch die oft baumgesäumten Sträßchen sehr entspannend! Wenn du dich von hier aus zur Straße Na Perštýně orientierst und die nach Nordwesten bergab läufst, kommst du zu einem ganz anderen architektonischen Blickfang - zum Terminal an der Fügnerova.
Fügnerova
Der markante, rote Stahlbau mit einer großen Uhr stammt vom Architekten Patrik Kotas und wurde gebaut von 1996 bis '98. Hier laufen quasi alle wichtigen Bus- und Tramlinien zusammen - unter anderem die Linie 3 nach Horní Hanychov, mit der du auch zum Ještěd kommst.

Von der Fügnerova kommst du auf den Tuchplatz (Soukenné náměstí) mit seiner 1920er/30er Architektur - Donau- und Nisapalast - und einem vor kurzem entstandenen kleinen Park. Von hier aus gehen mehrere Straßen bergan zum Rathaus, etwa die sehr belebte Pražská mit ihren Geschäften oder die Papírová.
Rund um das Rathaus
Zurück zum Rathaus. Gern würde ich reingehen, doch es ist Samstag nach 12, und die große hölzerne Tür ist geschlossen. Das merke ich später auch an anderen Stellen in der Stadt: Man ist auf dem Lande, hier gelten andere Zeiten. Zu den Öffnungszeiten des Magistrats dürfest du auf alle Fälle Glück haben: Mo/Mi 8-17, Di/Do 8-16, Fr 8-12 Uhr.



Auch die Rückseite des Liberecer Rathauses ist prächtig! Außerdem zu entdecken: das Theater, das ehemalige Pelzhaus und die Meteobudka, die Wetterstation.
Gleich rechts neben dem Rathaus wird dir sicher ein Gebäude auffallen, das entfernt an das Bügeleisen in New York erinnert: Das ehemalige Pelzhaus "Freiberg & Co." (Hausnummer: Května 176/5), das mehrere Asialokale und Geschäfte beherbergt. Herrlicher Art-déco-Stil von 1929 vom Architekten Ernst Schäfer! Vor dem Haus ist zudem ein hübsch gestalteter Trinkwasserbrunnen.
Von der Rückseite des Rathauses hast du einen guten Blick auf das Šalda-Theater: Ebenfalls opulente Architektur von 1883. Und erst die Innenausstattung! Die Website des Theaters lässt die Pracht ahnen - leider bin ich nur für einen Tag hier, das kommt also auf die to do-Liste für die nächste Liberec-Reise.
Und was ist diese sechseckige Säule mit einem mintgrün eingefassten Schaukasten und Metallsonnenblumen, direkt hinter dem Rathaus? Beim Näherkommen erkennst du kleine und größere Messinstrumente aus alter Zeit. Es ist ein Wetterstand, auf tschechisch Meteobudka. Aufgestellt 1898, ist sie heute sicher eines der kleinsten Kulturdenkmale Tschechiens.

Vielleicht ist dir auf der rechten Seite neben der Rathaustreppe auch eine gelb glänzende - nun ja, Plastik - aufgefallen, die ein Datum von 1968 trägt. Es sind stilisierte Panzerkettenglieder, die an ein furchtbares Ereignis der jüngeren Geschichte erinnern.
Der 21.August 1968 in Liberec
An diesem Morgen rückten im Zuge der Niederschlagung des Prager Frühlings sowjetische Truppen in Liberec ein. Die Website totalita.cz hat ein lesenswertes Protokoll über die Abläufe dieses Tages veröffentlicht: Sie schreibt, dass ein Teil der Truppen aus der DDR aus Zittau kam, ein anderer aus Polen. Bomber flogen im Tiefflug über den Jeschken. Schon früh versammelten sich Anwohner und demonstrierten gegen die Okkupanten. Ein junger Mann, Jan Šoltys, wurde von einem Sowjetpanzer erfasst und mitgeschleift.
Als später am Rathaus Teile oder Steine von einem Baugerüst auf ein sowjetisches Militärfahrzeug fielen, rückten nachfolgend Panzerfahrzeuge und Lastwagen an - und Soldaten schossen um sich. Die Schießerei am Rathaus morgens um 7 Uhr dauerte etwa drei Minuten: Vier Menschen starben. Wie die vielen Verletzten in Krankenhäuser gebracht wurden, daran erinnerten sich Zeugen vor zwei Jahren im tschechischen Magazin Seznamspravy.
Gegen Mittag brach dann plötzlich ein Panzer aus seiner Spur aus und krachte in eine Hausfassade an der Ostseite des Rathausplatzes (gut zu sehen in dieser Fotogalerie, im Youtube-Video unten sind die Zerstörungen ab 2:20 und 5:00 zu erkennen). In Folge dieses Vorfalls starben drei weitere Menschen.
Insgesamt kamen an diesem Tag neun Menschen in Liberec ums Leben. Das kleine Mahnmal an der Rathauswand listet all ihre Namen auf.
Bemerkenswert: 1970, am ersten Jahrestag der Okkupation, gingen in Liberec erneut Menschen auf die Straßen, es wurden Barrikaden errichtet, Armee und Polizei rückten gegen sie an.
Die ältesten Häuser der Stadt
Die entdeckst du wenn du vom Benes-Platz aus Richtung Westen zum Sokolovské náměstí mit seinen schönen Häuserfassaden läufst. Dort, wo sich der Platz verengt, in Richtung Westen, schließt sich eine kleine Gasse an mit perfekt sanierten Fachwerkbauten. Die Wallenstein-Häuser von 1678 waren einst das Zuhause von Tuchhändlern und Handwerkern. Irgendwann waren sie in einem so schlechten Zustand, dass man sogar ihren Abriss erwog! Gott sei Dank hat eine benachbarte Berufsschule alles daran gesetzt, dass sie restauriert werden.

Welche Filme wurden in Liberec gedreht?
Spiderman Far From Home ist der wohl prestigeträchtigste Film aus jüngster Zeit: Für die Szenen, die auf einem Jahrmarkt in Prag spielen sollen, haben sich Tom Holland und Co. 2018 auf dem Liberecer Markt getummelt. Insgesamt drei Wochen dauerten die Dreharbeiten - streng geheim natürlich, unter dem Codenamen Bosco. Bis Journalisten irgendwann Hauptdarsteller Tom Holland in der Liberecer "Organza"-Bar sichteten ...
Das zweiteilige Dokudrama Brecht mit Tom Schilling, Adele Neuhauser und Burkkard Klaußner wurde in der Stadt verfilmt. Ebenso Genius - Albert Einstein (USA 2017). Der Film Landgericht (Deutschland 2017) u.a. mit Roland Zehrfeld wurde z.B. in den kleinen Straßen der Liebiegstadt gedreht. Auch die aktuell bei Netflix anlaufende Serie The Age of Innocence (USA 2025/26) u.a. mit Ben Radcliffe hat Liberec als Kulisse. Und noch viele andere - eine gute Übersicht auch zu den einzelnen Drehorten in der Stadt bietet das Liberec Film Office.
Typisch Liberec ist ...
Das viele Grün! Im Zentrum und in fast jedem Viertel stehen Parks oder kleine Wäldchen. Außerhalb der Stadtmitte wirst du schnell das Gefühl haben, in einem fast dörflichen Umfeld zu sein.

Der stellenweise morbide Charme! Die etwas bröckelnde Toreinfahrt, die noch nicht gereinigte Fassade. Liberec wirkt hier wie eine etwas lässige Lady, die um ihren Charme weiß und deshalb weiter den teils schon verblassten, jedoch noch bombastischen Hut trägt. Dies erinnert mich persönlich an die frühen 1990er in der Dresdener Neustadt oder im Prenzlauer Berg, wo dieser brüchige Charme etwas ganz Normales war.
Der Blick auf die Berge! Immer wieder wirst du wunderbare Aussichten haben auf die umliegenden Berge, auch den Jeschken mit seiner Nadelspitze, dem Hotel. Und klar: Für solchen Bergblick muss man auch meist mehr Miete zahlen, weiß der Liberecer Journalist Petr Kumpfe. Er hat vor zwei Jahren einen Kollegen von Radio Prag International akustisch durch die Stadt geführt - sehr hörenswert!
Die lange Straßenbahnstrecke nach Jablonec! 13 Kilometer durch eine waldreiche Gegend, 30 Minuten dauert die Fahrt. Üblicherweise fährt hier die Nummer 11. Von 2021 bis 2024 haben Gleisbauer die Tramlinie von 1100 Millimeter auf Normalspur, auf 1435 Millimeter umgebaut. Es gab bis vor kurzem die Idee, die Bahnen von Jablonec auf normalen Eisenbahngleisen bis nach Hrádek weiterfahren zu lassen. Das wurde aber erstmal ad acta gelegt.
Und das Kaiser-Franz-Joseph-Bad, heute Galerie! Die Galerie Lázně wird stets mit als Hauptattraktion genannt, wenn es um Liberec geht. Deshalb hier nur kurz: Das frühere Kurbad nennt sich zwar Regionalgalerie - aber was hier gezeigt wird, hat durchaus nationales oder internationales Niveau.




Das frühere Kaiser-Franz-Joseph-Bad: Wo früher die Gäste ihre Schwimmrunden drehten, gibt es jetzt wechselnde und ständige Ausstellungen mit tschechischer Kunst und z.B. zur Geschichte der Industriellenfamilie Liebieg, die Liberec entscheidend prägte.
Wenn du mehr über moderne tschechische Künstlerinnen und Künstler und deren Arbeiten wissen willst, wirst du hier immer wieder verblüffende Entdeckungen machen.
Was gibt es noch zu sehen?
Noch vieles mehr, und am Ende meines Besuches hier merke ich: Ein Tag reicht nicht für Liberec. Es warten der Zoo (einer der besten in Tschechien, heißt es), die Bibliothek der Versöhnung, in der Umgebung der Jeschken und die Nachbarstadt Jablonec. Alles auf die to do-Liste für ein nächstes Mal!
Liberec ist noch nicht so von Touristen überrannt, was du wahrscheinlich auch als großes Plus empfinden wirst. Genieße also den Geheimtipp-Status!
Wenn der Sommer sein ganzes Wärme- und Sonnenpotential ausspielt, dann wird dich Liberec mit heiterer, angenehmer Stimmung gefangen nehmen. Lass dich die Pražská entlangtreiben, wo abends Jugendliche Federball spielen, nimm einen Café Freddo im Café Praha am Benes-Platz. Oder setze dich in den kleinen Park am Kopfende der Fügnerova zu denen, die ausruhen oder plauschen wollen ...