Über diese Wanderung haben wir noch Wochen geredet, so schön war sie! Aufstiege zum Auspowern und viele unterschiedliche Landschaften: Moorwiesen, fast alpine Berghänge, sanfte Hügel und die fürs Erzgebirge typischen weiten Flächen. Dazwischen der “Vuchlbeerbaam”, wie die Eberesche im Dialekt hier heißt. Alles auf gut einem Dutzend Kilometern! Vom Wirbelstein hatten eine Freundin und ich noch nie vorher gehört. Es sei schön da - und es gebe eine Menge Blaubeeren, erfuhren wir.
Unsere Tour findest du auf komoot und auch am Ende dieses Artikels. Gestartet sind wir in Loučná pod Klínovcem (Böhmisch Wiesenthal), wo es an der Hauptstraße direkt gegenüber des Skihangs am Sportcentrum Klínovec einen großen, kostenlosen Parkplatz gibt (Parking P1, Skiareál Klínovec). Den Abfahrtshang geht es steil hoch, quasi direkt unter und neben den Seilen des Sessellifts (Dámská-Strecke) entlang, so dass auf dem ersten Kilometer gleich ordentlich der Kreislauf in Schwung kommt!
Wenn du an der Chata Kalahari vorbei bist, biegst du kurz darauf an einer Wegkreuzung nach links ab, wo ein breiter Wanderweg hinein in den Wald führt. Du tauchst ein in die schöne Erzgebirgsnatur: Dicht an dicht stehen die Nadelbäume links und rechts des Wegs und lassen z.T. kaum einen Lichtstrahl auf den Boden. Jeglicher Zivilisationslärm bleibt hier fern, nur Vogelgezwitscher.

Und gelbe Schilder am Weg künden von einer seltenen Spezies: Hier sind Birkhühner zu Hause! Vor uns verbergen sich die bis zu 60 Zentimeter großen Vögel, und wir hören sie auch nicht - wahrscheinlich weil sie jetzt im August mit dem Flüggewerden ihres Nachwuchses beschäftigt sind. Aber vielleicht hast du ja mehr Glück.
Birkhühner zählen übrigens zu den besonders streng geschützten Arten in Deutschland: Wer die Tiere in ihrer Fortpflanzungs- oder Aufzuchtzeit bewusst erheblich stört, kann bestraft werden.
Birkhühner im Erzgebirge
Die selten gewordenen Vögel sind dank eines Artenhilfsprogramms wieder öfter in den Erzgebirgswäldern ansässig. Zu Beginn der achziger Jahre gab es auf sächsischer Seite so gut wie gar keine Birkhühner mehr. 2016 wurden laut Monitoring hier 25 balzende Hähne gezählt, auf der tschechischen Seite 167.
Bei unsren Nachbarn leben sie vor allem rund um den Hassberg (Jelení hora) südlich von Jöhstadt sowie westlich von Seiffen, direkt hinter der Grenze bis nordwestlich nach Český Jiřetín (auf der anderen Seite liegt Cämmerswalde).
Aufstieg zum Wirbelstein
Nach etwa dreieinhalb Kilometern erholsamen Wanderns lichtet sich der Wald. Und der Wirbelstein liegt vor dir! Von der Ferne ist er kaum als Gipfel erkennbar - überhaupt wirkt der Meluzína, wie er auf tschechisch heißt, nicht wie ein großer, mächtiger Berg. Rein von der Höhe aber ist er's: Mit seinen 1094 Metern über dem Meeresspiegel gehört er zu den "Großen" im Erzgebirge.
Irgendwann siehst du die oben thronende Holzskulptur, und spätestens dann wird der Weg steiniger. Die letzten paar hundert Meter ist der Untergrund fast alpin, es wird kraxelig! Jetzt ist uns auch klar, warum hier festes Schuhwerk empfohlen wird.

Der Wirbelstein hat keinen eindeutig als Gipfel hervorstechenden Punkt, sondern ist eine Anhäufung von schroffen Felsen, von denen aus du den Blick ins Umland genießen kannst.
Und was für ein Ausblick das ist! Da liegt zum einen Richtung Norden der nahe Fichtelberg mit seinen 1215 Metern Höhe vor dir; rechts daneben der Bärenstein und der Pöhlberg, erkennbar am Turm. Im Osten siehst du mehrere Fast-Tausender: den Velký Špičák (965 m), den Großen Spitzberg in der Region Ústí, den Jelení hora (994 m), den Hassberg, und auch den Mědník (910 m), den Kupferhübel. Richtung Süden liegt das Egertal mit der Stadt Ostrov.
Wir genießen das herrliche Panorama - nur zum Blaubeerpflücken kommen wir Mitte August eindeutig zu spät. Büsche gibt es viele. Doch die letzten Beeren, die wir daran noch finden, machen einen eher vertrockneten Eindruck.


Woher die Namen des Bergs stammen könnten
Und wenn du dich in der Ferne sattgesehen hast, dann schau dir mal den oberen Teil der Holzskulptur auf dem Gipfel näher an. Da ist ein Gesicht erkennbar, dem die langen Haare ordentlich um den Kopf fliegen.
Im Netz ist hier und da die Rede davon, das dies das Abbild einer deutsch-böhmischen Sagengestalt sei. Ihr Name: Melusina. Sie soll als Luftgeist bei starkem Sturm hier jammernd entlanggeflogen sein. Das erklärt die tschechische Bezeichnung des Bergs und bekräftigt auch die deutsche Version: Der Wirbelstein trägt seinen Namen aufgrund von Wirbelwinden, die hier öfter auftreten.

Durch's Moor
Am Wirbelstein muss deine Wanderung noch nicht enden - es gibt in der Gegend noch viel zu entdecken! So liegen einige für die Landschaft wichtige Moorgebiete in der Nähe: Etwa das Gottesgaber Torfmoor (Božídarské rašeliniště) mit einem Lehrpfad sowie etwas weiter westlich das Moor von Pernink (Rašeliniště Pernink). Nur einen Steinwurf entfernt aber sind die in Moor- und Torfwiesen bei Háj (Horská louka u Háje).
Um dorthin zu gelangen, halte dich beim Abstieg vom Wirbelstein rechts und folge am besten dem Handy und der Wander-App deines Vertrauens. Der Weg ist hier zum Teil kaum sichtbar. Kurz darauf überquerst du eine Straße - und bist plötzlich in einer komplett anders anmutenden Gegend: Statt dichter Baumreihen lichte Baumgruppen und Büsche, dazu die knapp über dem Boden wachsende hellviolette Besenheide und als Farbtupfer mittendrin rot leuchtende Bärentrauben.


Die Moor- und Torfwiesen bei Háj mit ihren Lichtungen und Pflanzen wie der Besenheide erinnern ein wenig an schottische Gefilde.
Diese Torf- und Moorwiesen hier zählen zu einem 19 Hektar großen Naturschutzgebiet: Sonnentau, Sumpf-Studentenröschen, Wollgrasarten, Blutwurz und Kuckucks-Lichtnelken fühlen sich hier wohl. Doch auch wenn du kein Hobbybotaniker bist: Der eigentümliche, stille Charme der Landschaft hier, die ein wenig auch an schottische Landstriche erinnern mag, wird dir gefallen!
Nach reichlich einem Kilometer biegt der Weg nach links ab, führt am Wiesenthaler Berg vorbei, es wird wieder waldig. Schließlich, nachdem schon insgesamt neun Kilometer gewandert sind, liegt eine breite Senke vor dir - und die hält eine weitere, besondere Geschichte bereit.
Der Ort Königsmühle (Königův mlýn)
In einem halben Dutzend Häuser lebten hier einst deutschstämmige Bewohner. Eine idyllische flache Mulde, durch die ein schmaler Bach plätschert, dahinter ein sanfter Anstieg, über den ein schmaler Weg hinausführt. Ein Platz zum Wohlfühlen, fast unwirklich schön und weit weg von allem, was Unruhe bringen könnte.


Doch nach dem 2. Weltkrieg mussten die Königsmühlener wie viele andere im Norden der damaligen Tschechoslowakei ihr Zuhause verlassen. Im Gegensatz zu anderen Orten wurde das kleine Dörfchen aber nicht geschliffen - es war zu abgelegen.
Ein Umstand, der man inzwischen schätzt: Heute bemühen sich Vereine wie DoKrajin und Initiativen um den Erhalt der Häuser. Denn von den meisten der 3.000 nach 1945 verlassenen Erzgebirgsdörfer ist schlicht nichts übrig. Auch als wir an einem Augustnachmittag hier entlangwandern, sind Helfer dabei, die Wiesen zu mähen und in den Gebäuden für Ordnung zu sorgen.

In den hohlen Fenstern der Häuser hängen Herzen aus Holz, mit langen Eisen gespickt, in manchen der entkernten Gebäude stehen Holzfiguren. Jemand hat Wäsche aufgehangen, Tische und Bänke sind vor den übriggebliebenen Mauern aufgestellt. Hier herrscht zumindest ab und an wieder Leben. Das kleine Königsmühle ist nicht vergessen.
Plakate erzählen die Geschichte des Ortes. Mittlerweile findet jährlich Ende August das Landart-Festival hier statt, bei dem wie selbstverständlich tschechisch und deutsch geredet, an Kunst gewerkelt, gearbeitet und gefeiert wird.
Vielleicht ist Königsmühle heute bekannter denn je - weil inzwischen auf beiden Seiten der Grenze offen über seine tragische Geschichte und damit verbundene persönliche Schicksale gesprochen wird.
Am stärksten beeindruckt hat uns das Lottl-Haus: Auf einem Tisch stehen Blumen, an der Wand ein Porträt der letzten Bewohnerin, davor eine Holzskulptur eines Vaters, der sein Kind auf dem Arm trägt.


Das Lottl-Haus in Königsmühle - einst das Geburtshaus von Rosemarie Ernst.
Das Haus war das vermutlich letzte, in dem in Königsmühle nochmal ein Mensch das Licht der Welt erblickte. Rosemarie Ernst wurde 1944 hier geboren: Ihre Lebensgeschichte kannst du hören, wenn du an dem metallenen Poesiomaten kurbelst, der ebenfalls hier in den Hausruinen steht. Die in Oberwiesenthal lebende Frau hat übrigens ihre Erinnerungen in ein Buch gepackt, und 2022 hat sie die “Freie Presse” zu ihrem Geburtshaus geführt.

Ein landschaftlich wunderschöner, aufgrund der Historie sehr bewegender Ort. Mit Zeichen des Erinnerns, die in ihrer Schlichtheit und mit ihrer Symbolkraft aber besonders berühren. Kein staatlich verordnetes Denkmal, keine Stele könnte es eindringlicher.

Auch auf den letzten Kilometern herrliche Aussichten
Unsere Rundwanderung neigt sich langsam dem Ende zu. Noch einmal wandern wir etwas bergan, blicken über die Bergwiesen des Erzgebirges zum Horizont, wo sich in der Ferne der eine oder andere ferne Gipfel zeigt.


Als es dann bergab zum Ortsteil Háj geht, bietet sich noch einmal eine herrliche grenzüberschreitende Panorama-Aussicht auf den Fichtelberg und Klínovec. Nach dieser Tour sind wir (erneut) verliebt in Tschechien und vor allem auch ins Erzgebirge!